Was uns eint, was uns trennt

Bühnen- und Kostümbild 2018

 

Ein flammendes Plädoyer-Stück für eine freie und offene Gesellschaft

Eigenproduktion: Idee, Text, Regie: Michael Lüdecke für das Stadtteiltheaterensemble zum zehnjährigen Jubiläum des Jugend- und Bürgerzentrums Karthause

 

 

Es scheint, als haben wir vergessen

 

was hinter uns liegt,

 

was uns zu dem gemacht hat

 

was wir heute sind:

 

- eine freie, liberale, (welt)offene Gesellschaft.

 

Und es braucht Mut und Entschlossenheit

 

 unserer Demokratie wieder Würde zu verleihen,

 

und einzutreten für die Werte, die unseren Frieden bis jetzt bewahren.

(Michael Lüdecke)

 


Teil I „Brunnenvergiftung“: Einigkeit

 

ist beherrscht durch die existentielle Not: es gibt kein Wasser. Das Licht verbreitet Kühlhausatmosphäre und platziert fünf Protagonisten in eine feindliche Umgebung. Sisyphusartig werden unzählige leere Wasserkästen hin- und hergeräumt, Türme und trennende Mauern errichtet, die Sinnlosigkeit der Verausgabung in gruppenspezifischer Gewalt gespiegelt.

Die Charakterzeichnung der Kostüme stammt aus Beobachtungen von Menschen auf öffentlichen Plätzen und die Figur erzählende, individualisierende Merkmale. So panzert sich die „Assibraut“ mit einer gesteppten Plastikjacke, oder trägt das verwöhnte Einzelkind mit Sauberkeitsfimmel eine Haarbürste im patronengurtartigen Gürtel als Waffe gegen ihre Hilflosigkeit und die Unwägbarkeiten des Lebens.

 


Teil I „Glaubenskrieg“: Einigkeit

 

Eine „Heilige Reliquie“ wird von einer Gruppe von Gläubigen angebetet und durch den Bühnenraum geschleppt. Das Objekt bedeutet für die Reisenden nicht nur nährende Energie, sondern erscheint in ihrer nicht deutbaren Form und durch ihre verrostete Metalloptik als deplatzierte Last. Die Schiffstaue, mit denen die Gläubigen das absurde Objekt bewegen, assoziieren Galeere und Strafvollzug.

 

Unaufgeklärt bleibt, woher die Gruppe gekommen, oder wohin sie unterwegs ist. Ein offener Raum, lediglich durch zwei Spots „aus dem Himmel scheinend“ definiert, entrückt die Gruppe in eine Zwischenwelt.

Das Kostümbild ist angelegt als ein Mix aus modernem Pilger und Leistungssportler. Mit Kletterseilen Aneinandergekettete, voneinander Abhängige, schutzsuchende Seilschaften. Sie Situation eskaliert, als eine zweite Gemeinschaft einer anderen Glaubensrichtung auftaucht. Aus Misstrauen, Angst und Vorurteilen entspinnt sich ein Kampf um Dominanz, der in Krieg und Tod mündet. Aus den gläubigen Pilgern sind Glaubenskrieger geworden. 

 

 


Teil II „Der leere Thron“: Recht

 

Das Publikum erlebt die Wahlkampfreden der Verkörperungen von Monarchie, Diktatur und der Demokratie und wird aufgefordert, abzustimmen: wer soll den Thron besteigen, wie wollen wir in Zukunft leben?

 

Die rollbaren Schiedsrichterstühle sind Symbol für den Regierungssitz. Sie erobern den Luftraum über dem Publikum und lassen die drei Anwärterinne der Macht von oben herab agieren. Im harten Scheinwerferspot entwickelt sich ein Spektakel und manipulativer Wettkampf um die Wählerstimmen. Die Position der Bühnenelemente vor dem Publikum ist konfrontativ, unterstützt durch die Anwesenheit der drei Bodyguards die die Throne flankieren, und wirkt gleichzeitig verwirrend distanzierend, denn auf ihren Hochsitzen sind die Protagonistinnen unantastbar.

 


Teil III „Freiheit“

 

Ein Scheiterhaufen. Bücherverbrennung. Vorurteile. Das Publikum ist eng in neonfarbene asymmetrische Boden-Zonen platziert, somit ihrer räumlichen Freiheit beraubt und unmittelbar mit der Verurteilung von drei Angeklagten konfrontiert. Das Publikum ist Teil des Bühnenbildes und somit Teil des Theaterstückes. Zuschauern wie Spielenden droht die Gefahr, ihre freiheitlichen, liberalen und weltoffenen Werte (unserer Demokratie) zu verlieren. Eine dystopische Szenerie.

 

Gesamtkonzeption

 

Das Publikum erlebt vier Szenerien interaktiv, indem zum räumlichen Wechsel innerhalb von drei Saalteilen sowie zur Beteiligung am Geschehen aufgefordert wird. Das und die unmittelbare Nähe zu den Darstellern auf gleicher Bühnenebene schafft eine besondere Intensität des Theaterereignisses.

 

Das Bühnenbild besteht nicht aus einem Hintergrund, vor dem die Darsteller agieren, sondern in der Erarbeitungsphase des Stückes wurden Bühnenelemente entwickelt, mit denen die Darsteller direkt und haptisch umgehen und so auf imaginärer Ebene im Auge des Betrachters Assoziationsräume entstehen lassen. Die Bühnenelemente erzeugen durch ihre spezielle Materialität und ihrem eigentlichen Gebrauchswert, der im Stück zweckentfremdet wird, absurde und surreale Vorstellungsbilder. Die Szenenräume sind nicht konkret verortet, sondern abstrakt gedeutet.